Offizielles Internetangebot der IHK Trier


Bringt die Realschule Plus einen Qualitätsgewinn für die berufliche Bildung?

Die neue Schulstrukturreform Realschule Plus und die Qualitätsentwicklung an den Schulen auf den Prüfstand zu stellen, das war das Ziel des IHK-Bildungsforums, zu dem IHK-Präsident Peter Adrian am Montag, 3. März 2008 rund 250 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Schule und Verwaltung im IHK-Tagungszentrum begrüßen konnte.

Die zentrale Frage aus Sicht der Wirtschaft lautete an diesem Abend: „Wird die neue Realschule Plus eine Antwort finden, um junge Menschen vor dem Hintergrund der sinkenden Ausbildungs- und Studierreife sowie des demographischen Wandels optimal auf das Leben im allgemeinen und auf das Berufsleben im speziellen vorzubereiten? Wird sie in der Lage sein, das Leistungsniveau der Schulabgänger zu verbessern? Oder ist Realschule Plus nur ein neues Etikett für eine Form, bei der doch alles beim alten bleibt?“ Für IHK-Präsident Adrian hat das neue Konzept in zweierlei Hinsicht eine gewisse Schieflage: In der Grundausrichtung sei es zum einen zu sehr auf den eher quantitativen Aspekt der Studierberechtigungsquote ausgerichtet. Darüber hinaus werde der Aspekt „Keiner darf verloren gehen“ zu stark überbetont. Bei einem zu einseitigen Blick nach oben oder nach ganz unten gehe der Blick für die breite Mitte aus den Augen verloren. Für die Wirtschaft sei entscheidend, dass die schulischen Inhalte darauf gerichtet seien, den jungen Menschen die hochwertige und zukunftsträchtige Alternative „duale Berufsausbildung“ mit ihren hervorragenden Karriereoptionen nahe zu bringen und sie auf dem Weg dahin zu unterstützen.

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen ist überzeugt, dass das neue System Realschule Plus durchlässiger als das bisherige System ist und die Chancengleichheit der Schülerinnen und Schüler besser fördern kann. Ziel ist es vor allem, die noch bei über sieben Prozent liegende Abbrecherquote zu verringern. „Das sind rund 3.000 Jugendliche, die in kostspieligen Maßnahmen nachversorgt werden müssen“, sagte die Ministerin. Das neue Konzept mache es darüber hinaus den Schülerinnen und Schülern möglich, ihre endgültige Lernausrichtung erst später festzulegen. In der Erweiterung des Korridors zur Fachhochschulreise sieht die Ministerin eine weitere notwendige Maßnahme, um dem bereits spürbaren Fachkräftenachwuchsmangel entgegen zu wirken. „Selbstverständlich sind nicht alle Probleme mit der Schulstrukturreform zu lösen, aber als Gesamtpaket ist sie unumgänglich“, sagte die Ahnen.

In einem Beitrag zum Thema „Qualität in der Bildung aus wissenschaftlicher Sicht“ äußerte Professor Dr. Rolf Arnold, Leiter des Fachgebietes Pädagogik an der Technischen Universität Kaiserslautern, die Auffassung, dass Qualität in der Bildung nicht durch bildungspolitische Maßnahmen verordnet werden könne. „Wir brauchen stattdessen Bildungskonzepte, in deren Mittelpunkt die Schulleiter Aus- und Weiterbildung, die Einführung eines Lernberaters, neue Steuerungstechniken, Personalentwicklungskonzepte und eine gesunde Organisationsentwicklung stehen muss“, so Arnold. Nach seiner Auffassung dürfe die Diskussion nicht zu sehr auf die Strukturfrage verengt werden. Vielmehr sei es wichtig, sich mehr um die innere Substanz zu kümmern.

Kontrovers erörtert wurde die Thematik in den anschließenden Podiumsdiskussionen unter der Moderation von Gerald Kessler, SWR-Studio Trier: Für Markus Lehnert, Leiter der Pestalozzi-Hauptschule Trier, leitet sich die Plausibilität des Lernens aus der Arbeit ab. Deshalb fordert er eine frühe Berufsorientierung ab der Klasse 5. Dr. Thomas Simon, Geschäftsführer der IT-Haus GmbH in Föhren, sieht das Problem der jetzigen Hauptschüler nicht durch die „neue Verpackung“ gelöst, „denn die Hauptschulen verschwinden, aber die Hauptschüler bleiben“. Für die Leiterin der Johann-Amos-Comenius-Realschule, Marita Wenz, überwiegen die Chancen, die sich aus der Schulstrukturreform ergeben. Allerdings seien auch aufgrund der bereits praktizierten engen Zusammenarbeit sowohl mit der Hauptschule Ehrang als auch mit dem benachbarten Friedrich-Spee-Gymnasium gute Eingangsvoraussetzungen gegeben. Klaus Neureuter, Training & Development Manager JT International Germany GmbH in Trier, sieht in seinem Unternehmen noch Chancen für gute und praktisch begabte Hauptschüler. Erst vor kurzem habe man den neuen zweijährigen Ausbildungsberuf „Maschinen- und Anlagenführer“ eingeführt, der sich auch für begabte Hauptschüler eigne. Die Leiterin der Berufsbildenden Schule Bernkastel-Kues, Brigitte Fischer, wiederum sieht sich im Wettbewerb mit den allgemeinbildenden Schulen, seien doch mit der Fachoberschule an der BBS bereits bewährte Strukturen zum Erwerb der Fachhochschulreife gegeben. Der Landrat des Kreises Trier-Saarburg, Günther Schartz, sieht die Gefahr, dass Schulstandorte aufgelöst werden und bemängelt, dass für die Schulträger nicht der notwendige Rahmen gegeben sei, um inhaltlich an der Schulstrukturreform mitzuwirken. Professor Arnold plädierte für einen motivierenden Umgang mit Kindern, damit Talente gefördert, statt Lehrer-Sichtweisen vermittelt werden können. IHK-Präsident Adrian plädierte dafür, Lehrern wieder den Stellenwert zukommen zu lassen, den sie verdienen: „Nur so können sie besser werden, wenn sie nicht schon gut sind.

Das letzte Wort des Abends gehörte dem Kabarettisten-Duo „BläckAut“, die als Eltern zweier „hochbegabter“ Kinder und einer der „tragenden Säulen“ des Bildungssystems die Thematik „auf den Punkt brachten“.


Ansprechpartner

Marcus Kleefisch
Standortpolitik
Tel.: (06 51) 97 77-9 09
Fax: (06 51) 97 77-5 05
E-Mail: kleefisch@trier.ihk.de